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PV vs. Kraftwerke: Flächenbedarf und CO₂ im Vergleich

Wie viel Fläche braucht Photovoltaik im Vergleich zu Atom-, Kohle- und Gaskraftwerken? Interaktiver Vergleich mit Lifecycle-CO₂ und Flächeneffizienz.

~12 Min. Lesezeit Von Solantiq Team

PV vs. Kraftwerke: Flächenbedarf und CO₂ im Vergleich

Ein häufiges Argument gegen Photovoltaik ist der hohe Flächenbedarf. Doch wie groß ist der Unterschied zu konventionellen Kraftwerken wirklich — und was bedeutet das, wenn man den gesamten Lebenszyklus betrachtet? Dieser Artikel bietet einen datenbasierten, ausgewogenen Vergleich.

Interaktiver Flächenvergleich

Wählen Sie ein Kraftwerk und sehen Sie, wie viel PV-Fläche für dieselbe jährliche Stromerzeugung nötig wäre:

PV-Fläche im Vergleich zu konventionellen Kraftwerken

Wie viel PV-Fläche erzeugt pro Jahr dieselbe Strommenge wie ein konventionelles Kraftwerk?

⚛️Atomkraftwerk
Typisches AKW (z. B. EPR, 1.400 MW)
Nennleistung
1.400 MW
Capacity Factor
90%
Jahreserzeugung
11.037,6 GWh
Benötigte PV-Leistung
11.455 MWp
PV Capacity Factor: 11% (Deutschland ⌀)
Benötigte PV-Fläche
143,2 km²
20.053 Fußballfelder
Lifecycle CO₂
Atomkraftwerk12 g/kWh
Photovoltaik30 g/kWh
PV erzeugt 18 g/kWh mehr CO₂
Jährliche CO₂-Emissionen (Lifecycle)
Atomkraftwerk132.451 t
PV-Äquivalent331.128 t
Flächenvergleich
Atomkraftwerk (Standort)~0,5 km²
PV-Äquivalent (Jahreserzeugung)143,2 km²
PV benötigt ca. 286× mehr Fläche als der Kraftwerksstandort — erzeugt aber dieselbe jährliche Strommenge.
💡 Doppelnutzung: Agri-PV
Bei Agri-PV (Agrar-Photovoltaik) wird die Fläche unter den Modulen weiter landwirtschaftlich genutzt. So kann PV-Strom erzeugt werden, ohne Flächen für Nahrungsmittelproduktion zu verlieren. Studien zeigen: Bis zu 80 % des ursprünglichen Ertrags bleiben bei hoch aufgeständerten Anlagen erhalten.
Was ist der Capacity Factor?

Der Capacity Factor (Auslastungsgrad) gibt an, wie viel Prozent der theoretisch möglichen Strommenge ein Kraftwerk tatsächlich erzeugt. Ein AKW läuft fast rund um die Uhr (~90%), während PV nur tagsüber und bei Sonnenschein Strom liefert (~11% in Deutschland).

Deshalb braucht PV eine deutlich höhere installierte Leistung (MWp), um auf dieselbe Jahreserzeugung zu kommen.

Quellen & Annahmen
  • Lifecycle-CO₂: IPCC AR5, Fraunhofer ISE (2024)
  • PV Capacity Factor: ~11% (Fraunhofer ISE, Deutschland-Durchschnitt)
  • PV Modulwirkungsgrad: 20%, Flächenausnutzung (GCR): 40%
  • Kraftwerks-Kapazitäten: typische Referenzwerte (BDEW, World Nuclear Association)
  • Fußballfeld: FIFA-Standard 105 × 68 m = 7.140 m²
  • Vereinfachte Berechnung ohne Speicherbedarf oder Netzstabilität

Warum braucht PV mehr Fläche?

Der entscheidende Faktor ist der Capacity Factor (Auslastungsgrad):

  • Ein Atomkraftwerk läuft fast rund um die Uhr und erreicht ~90 % Auslastung.
  • Kohle- und Gaskraftwerke werden je nach Bedarf gefahren (45–75 %).
  • Photovoltaik in Deutschland erzeugt nur tagsüber und bei Sonnenschein Strom — im Jahresmittel ca. 10–11 % der theoretisch möglichen Leistung.

Das bedeutet: Um dieselbe Jahresstrommenge zu erzeugen, muss die installierte PV-Leistung deutlich höher sein als die Nennleistung eines konventionellen Kraftwerks.

Lifecycle-CO₂: Der vollständige Vergleich

Jede Stromerzeugungstechnologie verursacht CO₂ — nicht nur im Betrieb, sondern über den gesamten Lebenszyklus (Bau, Betrieb, Rückbau, Brennstoffkette):

Lifecycle-CO₂-Emissionen nach Technologie
Kohlekraftwerk820 g CO₂/kWh
Gaskraftwerk490 g CO₂/kWh
Photovoltaik30 g CO₂/kWh
Atomkraftwerk12 g CO₂/kWh
Windkraft11 g CO₂/kWh

PV erzeugt pro kWh nur einen Bruchteil der CO₂-Emissionen fossiler Kraftwerke. Im Vergleich zu Kernkraft und Windkraft ist PV etwas höher, aber alle drei liegen in einer ähnlichen Größenordnung — weit unter fossilen Quellen.

Flächeneffizienz: Nicht nur Quadratmeter zählen

Die reine Flächenangabe erzählt nicht die ganze Geschichte:

Vorteile von PV bei der Flächennutzung

  • Doppelnutzung (Agri-PV): Unter hoch aufgeständerten Modulen kann weiter Landwirtschaft betrieben werden. Studien des Fraunhofer ISE zeigen: 80 % des ursprünglichen Ertrags bleiben erhalten.
  • Dachflächen: PV nutzt vorhandene Gebäudeflächen, die sonst ungenutzt wären — kein zusätzlicher Flächenverbrauch.
  • Parkplatz-Überdachungen: Carports mit PV schützen Fahrzeuge und erzeugen Strom.
  • Fassaden-Integration: Gebäudeintegrierte PV (BIPV) ersetzt konventionelle Baumaterialien.
  • Dezentrale Erzeugung: PV kann dort installiert werden, wo Strom verbraucht wird — weniger Transportverluste.

Oft übersehene Flächen konventioneller Kraftwerke

  • Braunkohle-Tagebaue verbrauchen enorme Flächen (z. B. Garzweiler: ~48 km²).
  • Uran-Abbau zerstört Flächen in den Abbauländern.
  • Kühlwasser erfordert Zugang zu Flüssen oder Küsten.
  • Sicherheitszonen um Atomkraftwerke schränken die Nutzung ein.

Fazit

PV benötigt mehr direkte Fläche pro erzeugter kWh als konventionelle Kraftwerke — das ist ein physikalischer Fakt, der vom niedrigeren Capacity Factor herrührt. Allerdings:

  1. CO₂-Bilanz: PV ist fossilen Kraftwerken bei den Lifecycle-Emissionen dramatisch überlegen.
  2. Doppelnutzung: Agri-PV, Dachflächen und Fassaden reduzieren den effektiven Flächenverbrauch.
  3. Gesamtbilanz: Unter Einbeziehung von Brennstoffgewinnung und Infrastruktur relativiert sich der Flächenunterschied.
  4. Dezentralität: PV kann verbrauchsnah installiert werden und nutzt vorhandene Flächen.

Der Flächenbedarf von PV ist ein berechtigtes Thema — aber kein Argument gegen den Ausbau, wenn man die Alternativen ehrlich miteinander vergleicht.

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