PVGIS-Anleitung: Solarertrag in 5 Minuten berechnen (Schritt für Schritt)
PVGIS richtig nutzen: Schritt-für-Schritt-Anleitung für das kostenlose EU-Tool – Eingaben, Azimut-Konvention, Ergebnisse interpretieren, typische Fehler.
PVGIS-Anleitung: Solarertrag in 5 Minuten berechnen
PVGIS ist das wichtigste kostenlose Werkzeug, um den Ertrag einer geplanten Photovoltaikanlage abzuschätzen – entwickelt vom Joint Research Centre der EU-Kommission, wissenschaftlich fundiert und ohne Registrierung nutzbar. Trotzdem scheitern viele Nutzer an der spröden Oberfläche oder tappen in die Azimut-Falle. Diese Anleitung führt Sie Schritt für Schritt durch eine korrekte Ertragsberechnung und zeigt, wie Sie die Ergebnisse richtig interpretieren.
Schritt 1: PVGIS aufrufen und Standort setzen
Öffnen Sie das Tool unter re.jrc.ec.europa.eu/pvg_tools/de/ – die Oberfläche ist auf Deutsch verfügbar (Sprachauswahl oben rechts).
Den Standort legen Sie auf drei Wegen fest:
- Adresssuche: Straße und Ort in das Suchfeld eingeben und „Los!” klicken
- Kartenklick: direkt auf Ihr Hausdach in der Karte klicken
- Koordinaten: Breiten- und Längengrad manuell eintragen
Der gewählte Punkt bestimmt, welche Strahlungsdaten PVGIS verwendet. Eine Genauigkeit auf Hausnummern-Ebene ist nicht nötig – die Satellitendaten haben ohnehin eine Auflösung von einigen Kilometern.
Schritt 2: Das richtige Werkzeug wählen
PVGIS bündelt mehrere Rechner in Tabs. Für die klassische Dachanlage brauchen Sie nur den ersten:
| Tab | Wofür? |
|---|---|
| Netzgekoppelt | Standard-Dachanlage mit Einspeisung – der Normalfall |
| Tracking PV | Anlagen mit nachgeführten Modulen (Freifläche) |
| Netzunabhängig | Inselanlagen mit Batterie (Garten, Wohnmobil) |
| Monatliche/Tägliche Daten | Rohe Strahlungs- und Temperaturdaten |
| Stündliche Daten | Stundenwerte als CSV – Basis für eigene Simulationen |
| TMY | „Typisches Meteorologisches Jahr” zum Download |
Wählen Sie „Netzgekoppelt” für die folgende Berechnung.
Schritt 3: Anlagendaten eingeben
Jetzt folgen die fünf entscheidenden Eingaben:
Strahlungsdatenbank
Belassen Sie die Voreinstellung (für Europa: PVGIS-SARAH3). Sie basiert auf Satellitenmessungen und ist für Deutschland die genaueste Option.
PV-Technologie
„Kristallines Silizium” ist für über 95 % aller modernen Module korrekt – sowohl für monokristalline als auch polykristalline Module.
Installierte Spitzenleistung (kWp)
Tragen Sie die geplante Anlagengröße in kWp ein, z. B. 10 für eine 10-kWp-Anlage. Achtung: Gemeint ist die Modulleistung (kWp), nicht die Wechselrichterleistung.
Systemverluste
Der Standardwert 14 % deckt Kabel-, Wechselrichter- und Verschmutzungsverluste ab und ist leicht konservativ. Für Neuanlagen mit hochwertigen Komponenten sind 10–12 % vertretbar. Wichtig: Temperatur- und Einstrahlungsverluste berechnet PVGIS zusätzlich und automatisch – nicht doppelt einrechnen!
Neigung und Azimut
- Neigung: Dachneigung in Grad (typisches Satteldach: 30–45°, Flachdach mit Aufständerung: 10–15°)
- Azimut: Hier lauert der häufigste Fehler. PVGIS rechnet mit 0° = Süd, -90° = Ost, +90° = West – nicht mit der Kompassrose!
Klicken Sie anschließend auf „Ergebnisse anzeigen”.
Schritt 4: Ergebnisse richtig interpretieren
PVGIS liefert eine kompakte Ergebnisbox und mehrere Diagramme. Die wichtigsten Werte:
Jährliche PV-Energieproduktion
Der zentrale Wert: der erwartete Jahresertrag in kWh. Für eine 10-kWp-Anlage in Deutschland liegt er je nach Standort und Ausrichtung zwischen 8.500 und 11.000 kWh – die regionalen Unterschiede erklärt unser Artikel zur Globalstrahlung in Deutschland.
Teilen Sie den Wert durch die Anlagengröße, erhalten Sie den spezifischen Ertrag in kWh/kWp – die wichtigste Kennzahl zum Vergleichen von Standorten und Angeboten (Deutschland: 900–1.100 kWh/kWp).
Jährliche Veränderung (Variabilität)
Die Standardabweichung zwischen einzelnen Jahren – typisch ±400–600 kWh bei 10 kWp. Sie zeigt: Auch am selben Standort schwankt der Ertrag von Jahr zu Jahr um etwa ±5–10 %. Ein einzelnes schwaches Jahr ist also kein Grund zur Sorge.
Monatsdiagramm
Das Balkendiagramm zeigt die typische Saisonverteilung: Die Monate Mai bis August liefern mehr als die Hälfte des Jahresertrags, Dezember und Januar zusammen nur 4–6 %. Eine detaillierte Übersicht mit Vergleichswerten finden Sie unter Solarertrag nach Monat.
Aufschlüsselung der Verluste
Unter dem Diagramm listet PVGIS die berechneten Verluste auf: Einstrahlungswinkel (AOI), spektrale Effekte, Temperatur und niedrige Einstrahlung sowie Ihre angegebenen Systemverluste. So sehen Sie transparent, wie aus der Globalstrahlung der Endertrag wird.
Typische Fehler vermeiden
- Azimut falsch interpretiert – der Klassiker (siehe oben)
- Verschattung ignoriert: PVGIS kennt nur die Horizontverschattung durch Geländeformen, nicht Ihren Nachbarbaum oder die Gaube. Bei relevanter Verschattung den Verlustfaktor erhöhen oder einen Fachplaner rechnen lassen.
- kWp mit kW verwechselt: Einzutragen ist die Modul-Spitzenleistung, nicht die Wechselrichterleistung.
- Verluste doppelt gerechnet: Temperaturverluste sind automatisch enthalten – die 14 % Systemverluste nicht zusätzlich um Temperatureffekte erhöhen.
- Mittelwert als Garantie verstanden: PVGIS liefert langjährige Erwartungswerte, keine Garantie für ein konkretes Jahr.
Grenzen von PVGIS – und was die Alternativen können
PVGIS ist hervorragend für die Grobplanung, hat aber systembedingte Grenzen:
| Anforderung | PVGIS | Bessere Alternative |
|---|---|---|
| Ertragsabschätzung Neuanlage | ✅ ideal | – |
| Nahverschattung (Bäume, Gebäude) | ❌ | Fachplanung, 3D-Tools |
| Tagesaktuelle Ertragsprognose | ❌ | Solarprognose mit Wettermodellen |
| Wirtschaftlichkeit (Eigenverbrauch, Speicher, Kosten) | ❌ | Solarrechner |
| Stundenprofile für eigene Simulationen | ✅ (CSV-Export) | – |
Für ein Balkonkraftwerk ist die volle PVGIS-Eingabe meist zu kleinteilig: Bei einem 800-Watt-Set zählen vor allem Ausrichtung und Aufstellwinkel. Der Balkonkraftwerk-Ertragsrechner nutzt dieselbe Strahlungsbasis, fragt aber nur die für den Balkon relevanten Werte ab und zeigt direkt Ertrag und Ersparnis.
Fazit
PVGIS liefert in fünf Minuten eine wissenschaftlich fundierte Ertragsabschätzung für jeden Standort – kostenlos und herstellerunabhängig. Entscheidend für korrekte Ergebnisse: die PVGIS-Azimut-Konvention beachten (0° = Süd), realistische Systemverluste ansetzen und Nahverschattung gesondert berücksichtigen. Für Wirtschaftlichkeitsrechnung und tagesaktuelle Prognosen kombinieren Sie PVGIS am besten mit spezialisierten Tools.
Wichtige Erkenntnisse:
- PVGIS berechnet den Jahres- und Monatsertrag aus langjährigen Satellitendaten (±5 % Genauigkeit)
- Azimut-Konvention: 0° = Süd, -90° = Ost, +90° = West
- Standardverluste 14 % passen für die meisten Anlagen; Temperatur rechnet PVGIS automatisch
- Nahverschattung und Wirtschaftlichkeit kann PVGIS nicht – dafür gibt es Solarrechner und Solarprognose
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